Jetis unter Palmen

Besuch im Endau Rompin National Park

19. Januar 2019 • von M. Jacobi

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Da ist ein Fluss. Still und träge wiegt er sich um die Biegung unterhalb von Kampung Peta. Macht sich klein unter dem Sirren und Surren, das aus dem grünen Dickicht dröhnt. Hat er seine sanfte Bräune von der Sonne, die flimmernd durch den milchigen Firnis am Himmel strahlt? Kaum zu glauben, dass er die Anhöhe mühelos überwindet, wenn ihn der Monsunregen nur lange genug tränkt. Dass er das Dorf besucht, ein unerbetener Gast in allen Häusern, der Frau und Kind vertreibt. Nur die Männer bleiben dann zurück, bewachen Hab und Gut und was in ihre schmalen Boote passt. Bewachen ihre ebenen Behausungen, die auf der Erde lasten – in Beton gegossener Fortschritt nach dem Geschmack der Regierung. Nur ein Haus steht auf Pfählen, das Besucherquartier, das Haus für uns, errichtet nach Art der Väter. Aus Bambus, Rattan, Holz, ganz aus Zellulose: ein Haus aus Zucker.

Da ist ein Wald. Dampfend, dicht und dunkelgrün. Der Älteste von ihnen, heißt es. Aus einer Zeit, mit der man heute stückchenweise auf Tafeln schreibt. Als die Kontinente noch ein Land bildeten, bevölkert von Dinosauriern, wie sie im Museum stehen. Unser Wald steht noch nicht im Museum, aber doch ziemlich allein auf weiter Flur. Um ihn herum hat eine Palme sich milliardenfach wie Metastasen ausgebreitet, ist aus Flicken schnell zum großflächigen Ölteppich über die Malaiische Halbinsel gewuchert. Dabei hat sie die eine oder andere Stelle übersehen. Zum Beispiel diesen Nationalpark, nach den Flüssen Endau und Rompin benannt. Von dort oben im Dorf sah er fast aus wie Brokkoli, nur etwas mysteriöser. Hier unten, im schwankenden Boot, sieht er aus wie ein Wald. An einigen Ecken wurde auch er einmal abgeholzt. Da ist er eben nachgewachsen, als wäre nichts gewesen. Mit Ranken wie dieser und Stämmen wie jenem und Blättern in so großer Zahl, dass einem schwindelig wird. Jenseits des Ufers muss es wohl so ähnlich ausschauen, und dahinter auch, und so geht es immer weiter auf einer Fläche so lang und breit, dass wir das Gebiet von Singapur zerstückeln und locker dort hinein puzzeln könnten. Oder das von Berlin, aber da müssten wir schon etwas kneten.

Da ist ein Mensch. Ganz vorn am Bug des schaukelnden Langbootes sitzt er, baumelt mit den Beinen, lässt den Blick und die Gedanken schweifen. Flussaufwärts lotst er seine zwei Besucher durch den Dschungel. Sein Zuhause, sein Revier, sein Arbeitsplatz, seine Apotheke, sein Schlaraffenland. Vor drei Jahrzehnten wurde Rashidi angeblich nach einer Telenovela benannt. Heute nennt er sich lieber Burn. Als Ureinwohner vom Volk der Jakun fühlt er sich verbunden mit diesem Wald, wie nur noch wenige in seinem Dorf. Das naturverbundene Leben der Alten ist zwar passé. Die der Geldwirtschaft unterjochte Existenz der Jungen hält dagegen auch nicht das, was sie verspricht. Denn im Vielvölkerstaat Malaysia sind die Plätze für Bürger zweiter und dritter Klasse längst vergeben. Und so müssen sich die Jakun als Bürger vierter Klasse zufriedengeben. Der erste vernünftige Wasserspeicher wurde dem Dorf erst kürzlich vom staatlichen Ölkonzern gestiftet, und ein Telefonsignal hat in dieser Gegend noch Seltenheitswert. Nach Sonnenuntergang wird es stockfinster, nur wenige Lampen erhellen die Eingänge einiger Häuser. Vor der Situation dieser Menschen erscheinen uns die eigenen Ansprüche an das Leben beinahe unverschämt. Eine Lehrerin kommt von außerhalb und unterrichtet die wenigen Kinder des Dorfes im Nötigsten. Ansonsten sind die Jakun auf einfache Jobs angewiesen, auf ihre Gummibäume, etwas Entwicklungshilfe – und auf sich selbst.

Auf sich selbst angewiesen zu sein, ist für Burn kein Problem. Er zieht sich blaue Fußballsocken an, stülpt flache schwarze Trekkingschuhe aus so etwas wie Plastik darüber und hilft uns aus dem Boot. Wir laufen, er erzählt. Erzählt laufend. Von seinem Vater, der ihn als Kleinkind mit in den Dschungel nahm. Ihm alles beibrachte, was er wusste und zum Überleben brauchte. Welche Pflanzen er verwenden und welche Tiere er meiden sollte. Wir lernen, wie das Fleisch von Gibbons schmeckt und wie lange der Elefantendung bereits dort am Wegesrand liegt. Auf dem schattenarmen Trampelpfad des Ufers peitscht die brütende Wärme des Nachmittags auf uns ein. Die Schule des Waldes kennt kein Hitzefrei.

Da sind Soldaten. Dort, wo der Jasin dem Endau zufließt, sitzen sie schweigend im Schatten eines niedrigen Blechdaches auf Plastikstühlen. Eine provisorische Kochstelle, etwas Obst. Es wird gegrüßt, gewunken, sich erkundigt. Ringsherum stehen Bungalows, Wäsche trocknet auf der Leine, und auch die Langeweile hängt schwer in der feuchten Luft. Und weil man im Dschungel praktisch nie Besuch bekommt, bekommen wir zur Feier des Tages eine Melone angeboten. Die Aussicht, das dicke Ding gleich bergauf zu schleppen, trübt unsere Freude, sodass wir dankend ablehnen. Am Ende einigen wir uns darauf, dass wir die Frucht auf dem Rückweg mitnehmen, denn ein Geschenk ist ein Geschenk, und mit bewaffneten, von der Einsamkeit entnervten Männern fangen wir keine Diskussionen an. Touristen finden selten ihren Weg hierher, die Wilderer dafür umso häufiger. Einmal im Jahr sind die Soldaten deshalb für ein paar Wochen im Dschungel, gehen auf Streifzüge, jagen die Jäger. Im Schatten der Nacht sind schon Söldner aus Hubschraubern herabgefallen, um die seltene Trophäen, Felle, Knochen, für reiche Auftraggeber zu erbeuten, denn:

Da sind auch Tiere. Sie rascheln und schlängeln sich durch das Laub, das den Boden bedeckt. Sie fliegen mit spitzem Schnabel und farbenprächtigem Gefieder dicht über der Wasseroberfläche von Baum zu Baum. Sie hetzen aufgescheucht die Uferböschung hinauf, ganz Klauen, Schwanz und Gelb und Schwarz. Mit kräftigen Tatzen hinterlassen sie breite Kerben in der Rinde eines Baumes. Sie brüllen wütend durch die Nacht, während sie ihre massigen, dickhäutigen Rüssel mal wieder in die Pflanzungen der Dorfbewohner stecken. Sie funkeln hundertfach im Dunkeln, wenn ihre winzigen Insektenaugen wie kleine Edelsteine das Licht unserer Lampen reflektieren. Schalten wir die Lampen aus, fliegen sie als zarter Stern vor unseren Köpfen, an, aus, an, aus. Und sie sägen, dröhnen, schleifen und pfeifen ihr kakophones Konzert, die morgendliche Ouvertüre, das Adagio gegen Mittag, ein abendliches Forte fortissimo und con sentimento im Mondlicht. Chitin auf Chitin, wieder nur Zucker, und alles nur für Sex.

Da ist auch eine Legende. Nichts Genaues, Krumen von Information, Saat des Hörensagens, die so leicht auf fruchtbare Böden fällt. Ein Menschenaffe, der „Jeti von Johor“. Deutlich größer als unsereins soll er sein, mit aufrechtem Gang und dunkelbraunem Fell. Ein Nachfahre vor langer Zeit ausgestorbener Riesenaffen, sagen manche. In den Weiten des Nationalparks habe die Art überlebt, scheu und immer auf der Hut vor Menschen. Es gibt reißerische TV-Berichte darüber, eigentlich nur verschwommene Amateurvideos, hochgetunt mit dramatisierender Musik und den Kommentaren selbsternannter Experten. Eigentlich nichts.

„Dieser hier lindert Juckreiz und Rötungen,“ sagt Burn und deutet auf den milchigen Saft eines Strauches, der aussieht wie jeder andere. Wir betreten den Wald. Ein paar Schritte weiter rupft er ein anderes Blatt vom Zweig und hält es über die Flamme eines Feuerzeugs. Es wirft Blasen, die mit einem leisen Knall platzen – ein natürlicher Böller. „Wenn wir das Gefühl haben, unser Lager wird von einem Tiger belauert, dann werfen wir die Blätter ins Feuer, und der Lärm verschreckt ihn.“ Als wir nach einem zweistündigen Aufstieg durch den Wald schweißgebadet (‚In Salzlake gereift.‘) auf dem Bergrücken der Janing Ridge ankommen, brauchen wir die Blätter nicht mehr. „Es ist zu trocken, der Tiger war hier und ist auf der Suche nach Wasser weitergezogen.“ Wo er die Spuren einer Raubkatze entdeckt, sehen unsere Augen nichts als strukturlosen vertrockneten Matsch.

Von der Gesellschaft als ungebildet und rückständig geächtet, weiß man die Jakun immerhin als Spurenleser, Jäger und Sammler zu schätzen. Schon die britische Kolonialmacht unterhielt eine Polizei-Einheit, die ausschließlich aus Vertretern der indigenen Stämme bestand. Dunkelhäutigen, kleinen Männern von drahtiger Statur, mit den für Festlandasien so untypischen lockigen oder krausen Haaren. Unscheinbar und doch in der Lage, wochenlang im Dschungel zu überleben. Einheiten der sogenannten Senoi Praaq spürten Guerillas, Schmuggler und Vermisste auf, leiteten Expeditionen in die entlegensten Winkel der Halbinsel. Selbst die Soldaten unten im Camp sind auf einen Führer aus den Reihen der Jakun angewiesen. Wir beiden Touristen erst recht, trotz der zahllosen Dschungelwanderungen, die wir in all den Jahren gemeinsam unternommen haben. Und so spricht Burn respektables Englisch für jemanden, der niemals eine Schule besucht hat. Im Rahmen seiner Führungen hat er es sich selbst angeeignet.

Es ist seltsam, hier oben. Angenehm schattig und kühl, aber auch still und fast ein bisschen unheimlich. Die üblichen Geräusche des Waldes dringen schwach zu uns herauf. Doch um uns kein Vogel, keine Zikade. Nur ein gelegentliches Lüftchen und das knarzende Aneinanderreiben der Palmwedel, die hier oben das Blätterdach bilden. Livistona endauensis kommt ausschließlich hier vor, bedeckt die oberen Lagen dieses Bergkammes und bildet große, runde, geriffelte Fächer. Immer wieder gleiten wir auf den herabgefallenen Wedeln aus, Blatt auf Blatt, ein lautes Geräusch als würde man auf Plastikplanen gehen. Laut genug, um ein Wesen zu alarmieren, das sich in einiger Entfernung auf einem Baum bewegt, dann plötzlich – fump! – zu Boden springt und den Hang hinab flüchtet. Ein diffuser brauner Klops von hörbar stattlichem Gewicht, zu schnell selbst für die geübten Augen von Burn. Wir rasten und rätseln. Könnte es sein? „Ein Bekannter von mir hat den Jeti mal am Flussufer gesehen. Er ist vor lauter Schreck auf und davon, und später haben sie an der Stelle noch den Abdruck einer Pfote gefunden.“ Einen Moment lang hängt jeder seinen Gedanken nach.

Vorsichtig kletternd geht es hinab, über Wurzeln, Felsen, Laub. Unscheinbare Zweige hängen im Weg, hängen an uns, mit haarfeinen Nadeln. Es ist nicht so als wären wir unsportlich. Doch schlendert Burn uns leichtfüßig voraus, während wir schnaufend, immer langsamer und allenfalls der Kür wegen noch den aufrechten Gang bemühen. Dabei ist er nicht einmal schlank oder zierlich, eher stämmig und ein wenig moppelig. Unten angekommen, nehmen wir pflichtbewusst unsere Melone entgegen, Geschenk ist Geschenk, und Burn zerteilt sie fachgerecht mit der Machete. Es ist eine große Netzmelone, ein süßer, saftiger Ball. Wir stehen im Fluss und schmatzen. Dann lassen wir uns in Gummireifen den Endau hinab zum Dorf zurück treiben. Zwei zähe Stunden lang, denn der Endau will nicht recht. Er führt so wenig Wasser, dass unsere in die Reifen gezwängten Allerwertesten immer wieder auf Sandbänke und Gehölz stoßen. Dabei hätten die Schweißbäche, die uns am Berg noch sämtliche Körperteile, Falten und Glieder entlang rannen, locker für eine kleine Springflut ausgereicht. Stellenweise scheint das trübe Wasser überhaupt nicht mehr zu fließen, sodass wir uns mit Händen und Füßen aus dem Strömungsschatten paddeln. Dass der Fluss erst im vergangenen Jahr wieder allen bis zum Halse stand – kaum zu glauben.

Da ist das andere Ufer. Zehn schmerzhafte Meter entfernt. Es ist der nächste Morgen und der Fluss will durchquert werden. Barfuß und wie auf Eiern staksen wir mit rosigen Touristensohlen über die glatten Steine am Grund. Burn spaziert einfach hinüber. Nach zwanzig Minuten dasselbe, Schuhe aus, Schuhe an, trekken. Abrupt bleiben wir stehen. Unser Blick fällt auf Burn, seinen ausgestreckten Arm entlang zum Zeigefinger und von dort auf eine Vogelspinne. Oder was von ihr übrig blieb. Ein größeres Tier hat sie halbiert, ihr das Hinterteil säuberlich abgebissen und den Rest für nicht schmackhaft befunden. Ein Kampfjet röhrt irgendwo über uns durch das Firmament. Weiter geht’s, zum nächsten Flussufer, Schuhe aus, Schuhe an, trekken. Und das Ganze noch einmal. Ob auch ein Jeti mal ausrutscht auf den glitschigen Steinen des Flussbetts? Gerade als es anfängt, keinen Spaß mehr zu machen – der Wasserfall. Wie versprochen: einsam, rauschend, sehr idyllisch. Flach ist sein Gefälle, mit mehreren Stufen und kreisrunden Pools, die das Wasser aus dem Stein gewaschen hat. Breit und von der Sonne beschienen. Über Felsbrocken krabbeln wir am Ufer ein Stück höher und pausieren. Legen die schweißnassen Klamotten zum Trocknen aus. Unser Guide hat breite Narben am Oberkörper. Verbrennungen in der Kindheit. Prägender als die Telenovela.

Da sind wir. Winzig klein, auf einem grauen, geschwungenen Band inmitten von Brokkoli. Drei Punkte, beige und braun. Baden ausgiebig im Fluss. Rutschen – platsch! – den glatt und rund geschliffenen Fels hinab. Essen Toast mit Thunfisch und Gurke von einer Unterlage aus großen Blättern. Und dort, im Urwald, gesättigt auf dem warmen Stein, mit reiner Luft in den Lungen und klarem Wasser um die Füße, atmen wir ein, und die Ölpalmen verschwinden einfach. Atmen aus, und es gibt keine Wilderer, keine Soldaten und keine Kampfjets. Als wir unsere Lungen erneut mit Luft füllen, hört selbst der Jeti auf zu existieren. Für einen kurzen Moment. Und wir atmen ein. Atmen aus.

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