Sinn und Unsinn von CAT Tools

Wie mich Übersetzungssoftware bereichert – und mir manchmal den letzten Nerv raubt

3. Mai 2020 • von M. Jacobi

Die Lokalisierung von kommerziellen Inhalten kommt ab einem gewissen Volumen und Projektumfang kaum noch ohne Software aus. Ob cloud-basiert oder klassisch auf dem heimischen Computer – früher oder später wird jeder Übersetzer mit der einen oder anderen Variante konfrontiert, große oder über einen gewissen Zeitraum gehäuft auftretende Dokumente gemeinsam mit anderen Übersetzern schnell zu übertragen, ohne dass die Einheitlichkeit und Terminologie darunter leidet. Der Vorteil von CAT Tools wie Trados Studio, Smartling oder Polyglot liegt auf der Hand: Die Translation Memory schlägt wiederholende Segmente vor oder füllt sie automatisch ein. Die Analysefunktion ermöglicht vorab die Ermittlung der neuen und der wiederholenden Worte, erlaubt eine gute Einschätzung des zeitlichen Aufwands und der Kosten und generiert am Ende ein annähernd identisches – nur eben übersetztes – Dokument. Soviel zum Idealfall.

Und dann gibt es diese Projekte, da verbringt man mehr Zeit mit dem Setzen von Tags für winzige Textschnipsel in irgendwelchen Buttons oder Bannern von Apps, der Entzifferung falsch ausgelesener PDFs aus eingescannten Dokumenten ohne Texterkennung, der Auswahl aus mehreren differierenden TM-Einträgen von anderen Übersetzern oder der manuellen Korrektur eines zerschossenen Layouts in einer finalen Word-Datei. Bei den klassischen Installationsprogrammen kommt noch die Alterung der Versionen hinzu: Wer etwa 2011 rund 900 € für die damals aktuelle Trados-Version ausgegeben hat, musste nach nur sechs Jahren feststellen, dass in neueren Versionen erstellte Projektdateien nicht mehr geöffnet werden konnten und vom Ersteller einem „Downgrade“ unterzogen werden mussten. SDL behandelt die ältere Version als „Legacy“, d. h. es gibt keinen Support und das Dateiformat der neueren Versionen nimmt auf Abwärtskompatibilität keine Rücksicht.

Ein weiteres Problem sind im Laufe der Konvertierungen und Rückkonvertierungen von Paketdateien entstehende Fehler. Es ist mehr als ärgerlich, wenn Trados beim Erstellen eines vollständig übersetzten Rückpakets die gesamte Übersetzung unwiederbringlich löscht und die inkludierte .sdlxliff nicht vorher separat in einem anderen Ordner gespeichert wurde. Die Software sollte das Übersetzen beschleunigen und nicht zum digitalen Klumpfuß werden! Das frustriert natürlich und treibt immer mehr Kollegen zu den cloud-basierten Anbietern, für die zumindest beim Übersetzer keine großen Investitionen erforderlich sind. Als nebenberuflicher oder festangestellter Übersetzer kann manch einer vielleicht auf CAT Tools verzichten, aber immer mehr Agenturen setzen entsprechende Kenntnisse voraus. Ich persönlich nutze vorwiegend SDL Trados Studio 2021 und Polyglot (die cloud-basierte Lösung von Google). Ich erkenne natürlich den enormen Nutzen gerade in der Arbeit für große Plattformen wie z. B. YouTube, wo einheitliche Terminologie das A und O sind.

Ich vermisse aber auch die Zeiten, in denen man einfach eine Word-Datei öffnete und direkt loslegen konnte, wichtige Terminologie wurde ggf. in einer Excel-Tabelle beigefügt. Ich habe vor vielen Jahren sogar einmal die kompletten Inhalte für ein Computerspiel in einem Excel Sheet übersetzt.

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